Alles besser mit Video-Learning?

Videos im Lernkontext erfreuen sich immer größerer Beliebtheit. Und das nicht ohne Grund! Dank Verteilungskanälen wie YouTube, Vimeo oder auch Facebook kann man Video-Inhalte zu jeder Zeit ansehen – vom einfachen User-Generated Content bis hin zum aufwändig animierten Erklärfilm. Doch was können Videos wirklich und wie setzt man sie sinnvoll ein?

Für Akademien sind Videos auf den ersten Blick ein attraktives Lernformat – intuitiv in der Bedienung, ansprechend für den Lerner und auch ohne Investition in eine Lernplattform schnell und einfach an die Zielgruppe verteilbar. Doch wenn Ihnen an nachhaltiger Wissensvermittlung gelegen ist, lohnt sich allerdings ein intensiverer Blick  auf Vor- und Nachteile des videobasierten Lernens.

 

Wissensvermittlung 2.0: Hiervon profitieren die Lerner bei Videos

Gerade der hohe Unterhaltungswert und der motivierende Charakter gut gemachter Lehr- und Erklärvideos sind attraktive Eigenschaften, die den Anwender in ihren Bann ziehen können – und wer sich gut unterhalten fühlt, bleibt länger am Ball.

Einen weiteren unschlagbaren Vorteil haben Videos bei der Vermittlung von natürlichen bzw. technischen Prozessen, Interaktionen und Bewegungsabfolgen. Die Verwendung eines Werkzeugs, der Flügelschlag eines Vogels in Zeitlupe oder die komplizierte Schrittfolge eines Tanzes – all dies könnte zwar auch über Texte und Bilder vermittelt werden, doch der zeitliche Bezug des Bewegtbildes und der hohe Realitätsgrad können die gleiche Botschaft anschaulich, kurz und bündig vermittelt und so auch das Verständnis erleichtern.

 

 

Ein solches Lernen durch Beobachten ist eine natürliche Lernform des Menschen. Schon Kinder imitieren das Verhalten von Vorbildern, wenn es den gewünschten Effekt erbringt. Der renommierte kanadische Psychologe Albert Bandura betitelt dies als „sozialkognitive Lerntheorie“ (oder auch „Lernen am Modell“). Er stellte fest, dass das beobachtete Modell dabei nicht zwangsläufig körperlich anwesend sein muss. Lernen mit Videos wird demnach auf natürliche Weise als hilfreich empfunden.

 

Videos involvieren Lerner emotional

Für den Erfolg des Modelllernens ist es jedoch von entscheidender Bedeutung, dass sich der Lernende mit dem beobachteten Modell identifiziert. Videos bergen diesbezüglich den Vorteil, dass sie auch nonverbale Signale wie Gestik und Mimik übermitteln und eine stark emotionalisierende Wirkung haben – und wer emotional involviert ist, investiert mehr Aufmerksamkeit in die Lerninhalte.

Emotionalität ist auch ein ausgesprochen  wirksames Mittel, wenn Sie nicht nur Wissen vermitteln wollen, sondern auch sogenannte „affektive Ziele“ erreichen möchten – also eine Änderung der Einstellung oder des Verhaltens. Zum Beispiel in Sicherheitstrainings sensibilisieren und überzeugen Sie durch den Einsatz von Emotionen auf besonders wirkungsvolle Weise. Wer sein Publikum sensibilisieren oder überzeugen möchte, sollte daher auf die authentische Ansprache mit Hilfe von Emotionen nicht verzichten.

 

Die Grenzen des Mediums „Video“

Betrachtet man die steigende Begeisterung für Lernvideos und ihre Vorteile im Lernkontext, fragen sich viele Nutzer und Anbieter von digitalen Lerninhalten zu Recht, ob sie in Zukunft nur noch mit Videos arbeiten sollten. Doch bevor Sie alles auf die YouTube-Karte setzen, sollten Sie sich noch mit einigen Hindernissen des Formats auseinandersetzen:

Film und Video gehören primär zu den linear ablaufenden Unterhaltungsmedien. Viele Anwender von Lernvideos haben interessanterweise zwar das Gefühl, mit Videos die Inhalte besser verstehen und behalten zu können, doch Studien zeigen, dass sie sich anschließend an nur etwa 20% der Aussagen erinnern können. Dieses Phänomen wird auch als „Illusion of knowing“ Effekt bezeichnet. Wir neigen also dazu, zu glauben, dass wir komplexe Inhalte video-basiert besser verstehen, da wir uns an die Bilder erinnern können. Oft haben wir beim Betrachten jedoch nicht genug mentale Anstrengung aufbringen müssen, um die extrem flüchtigen Inhalte vollständig begreifen und langfristig behalten zu können – weshalb die entsprechenden Ergebnisse bei Transferaufgaben schlechter ausfallen. Dies liegt unter anderem daran, dass die für Videoinhalte typische passive Rezeption zu einer verminderten Lernanstrengung  und Elaboration führt. Hinzu kommt, dass die Informationsfülle über einen längeren Zeitraum verstärkt zu einem Ermüdungseffekt führt. Die Gefahr des Vergessens steigt also an.

https://www.pexels.com/photo/two-person-watching-video-on-laptop-1321732/

 

Videoeinsatz: Gewusst wie!

Es wird deutlich, dass Videos großartige Potentiale, aber auch deutliche Grenzen in sich bergen. Daher müssen wir uns bewusst machen, wann und in welchen Rahmenbedingungen Videoeinsatz Lernprozesse ermöglicht oder unterstützt.

Tipp1: Der Lerner taktet selbst

Geben Sie dem Lerner immer die Möglichkeit, das Video interaktiv in seiner persönlichen Lerngeschwindigkeit verwenden zu können, um Inhalte pausieren, überspringen oder auch wiederholen zu können. Kurze Videosequenzen ohne redundante Inhalte bergen zusätzlich eine geringe Gefahr, den Lernenden zu überfordern oder zu ermüden. In (z.B. bei Richard E. Mayer oder Schnotz und Lowe) gibt es hilfreiche didaktische Empfehlungen für ein optimales multimediales Design solcher Lernarrangements.

Tipp 2: Videos im Blend

Videos müssen nicht für sich allein stehen. Sie können gezielt in andere digitale Lernmedien eingebunden und so sinnvoll miteinander verknüpft werden. So bieten WBTs beispielsweise die Möglichkeit, die Vorteile von Videos, Animationen oder auch 3D-Objekte bis hin zu interaktiven Spielen und Quizze optimal miteinander zu kombinieren: Nutzen Sie beispielsweise kurze Videos als emotionalisierendes Storyelement, um den User persönlich anzusprechen und zu motivieren. Vergessen Sie jedoch nicht die Grenzen des Mediums zu bedenken und nutzen Sie folgenden Tipp:

Tipp 3: Interaktiver Einsatz

In solchen Szenarien können Sie auch Interaktions- und Feedbackelemente nutzen. Diese locken den Lernenden aus seiner Passivität und regen ihn zusätzlich zum Nachdenken an. Fordern Sie den Lerner auf, interaktive Videos an passenden Stellen zu stoppen, um Fragen zum Gesehenen zu beantworten, eine Leitfrage mitzunehmen oder Vermutungen zum Fortgang des Films anzustellen.

Oder wie wäre es, wenn der Nutzer sogar selbst entscheiden könnte, wie die Story seines Videos endet?

Tipp 4: Mehrfachverwertung

Gestalten Sie Videos so, dass sie einzelne Sequenzen in Form herauslösbarer Learning Nuggets z. B. zum Nachschlagen für den Performance Support einsetzen können.

 

Mit einer durchdachten Konzeptionen entwickeln Sie maßgeschneiderte Lösungen für einen nachhaltigen Lernerfolg. Das kann ein 1-minütiges Youtube-Video oder auch ein klassisches Lernvideo sein. Auf jeden Fall sollten sich alle Beteiligten aber genau mit ihrer Zielgruppe und den Lernzielen auseinandersetzen, um abschätzen zu können, wann, in welcher Form und in welcher Kombination mit anderen Formaten sich der Einsatz von Videos wirklich lohnt.

 

Und wenn wir den Blick schon darauf gerichtet haben: Wir werden nach den Videos in weiteren Blog-Artikeln auch noch andere Formate „auf den Prüfstand“ stellen und freuen uns auf Ihr Interesse.

 

Weiterführende Literatur: Kompendium multimediales Lernen von Helmut M. Niegemann, Steffi Domagk, Silvia Hessel, Alexandra Hein, Matthias Hupfer, Annett Zobel

 

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